Rezensionen

Kurzrezension zu Geh nicht in den Winterwald

In unserer Runde des Horrors, wo wir Halloween nachholen wollten und Ten Candles spielten, wurde auch Geh nicht in den Winterwald von Benjamin auf den Tisch gebracht. Eine Rezension von Benjamin:

Kurz und knackig

Ein Rollenspiel über düstere Geschichten aus den neuenglischen Kolonien des 18. Jahrhunderts, welches versucht die Stimmung von Gruselgeschichten am Lagerfeuer einzufangen. Für Genrefans und Erzählspieler*innen, die nicht damit rechnen sollten, mit ihren Charakteren lebend aus dem Wald zurückzukehren.

  • Verlag: System Matters
  • Erscheinungsjahr: 2017 (Übersetzung)
  • Sprache: Deutsch
  • Seiten: 72
  • Format: PDF / Buch (Softcover)
  • Preis: 19,95 € (PDF+Softcover als Bundle) / 14,95 € (Softcover)
  • Erhältlich bei: System Matters

Außen

Der System Matters-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, unbekannte kleine Regelwerke unter dem Label „Kleine Reihe“ in Deutschland bekannt zu machen.

Geh nicht in den Winterwald ist die Übersetzung des amerikanischen Rollenspiels Don’t walk in Winter Wood, welchem man bei der Übersetzung gleich ein neues, sehr gelungenes Layout und das ungewöhnliche 21x15cm- Format der „Kleinen Reihe“ spendiert.

Der Großteil des Buches ist weiß bis auf ein paar schwarze, von Kohlestiftzeichnungen inspirierte Illustrationen mit ein paar wenigen – aber effektvollen – Farbakzenten.

Innen

System und Setting will die Stimmung von gruseligen Lagerfeuergeschichten über düstere Sagen und Mythen einfangen. Da man dort üblicherweise wenig Licht und kaum Platz zum Würfeln hat, ist Charaktererschaffung und Regelsystem extrem minimalistisch gehalten. Einen Tisch braucht man allerdings schon ;).

Mit Namen, Konzept in einem Satz und einer klaren Motivation, das Gegenteil von dem zu tun, was der Titel des Spiels einem sagt – nämlich eben doch in den Winterwald zu gehen! – ist der Charakter auch schon fertig.

Die Spielleitung hat sich vorher eine (oder mehrere) der Szenario-Geschichten aus dem Büchlein durchgelesen und ein paar Ideen für die schrecklichen Dinge überlegt, die den Charakteren zwischen dem Dorf und ihrem Ziel im Wald passieren werden.

Ob sie es schaffen, ist dabei von den Kältermarkern abhängig, die jeder spätestens ab dem ersten Betreten des Winterwaldes erhält. Jede Probe wird mit einem W6 gewürfelt – ist der Wert über der Anzahl der Kältemarker, gelingt die Probe. Darunter gelingt es nicht. Im Laufe der Sitzung sammeln die Spieler immer mehr Marker, wann immer den SC etwas schreckliches widerfährt. Steigt die Anzahl der Marker auf 6 stirbt der Charakter oder er wird auf andere Art aus dem Spiel entfernt. Da man den ersten Marker automatisch beim Betreten des geheimnisvollen Winterwaldes erhält, ist ein recht schnelles Ende der Sitzung absehbar: Diese Spiel ist nicht für einen typischen Spieleabend gedacht sondern eben für eine gemeinsam erzählte Gruselgeschichte, die kaum länger als 1-2 Stunden geht. 

Am Tisch

Die Testrunde für diese Rezension war das dritte Mal, dass ich dieses System geleitet habe. Dabei habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sei es aus Sicht der SL-Position oder in Bezug auf Feedback durch die Spieler. Zwei der Runden fanden Abends im Dunklen statt, wo ich der Idee der Lagerfeuergeschichten entsprechend nur ein paar Kerzenlichter am Tisch verwendet habe. Die erste Runde fand Mittags statt, dafür allerdings draußen auf einer Wiese – dies war dafür die einzige Runde, wo ich von einer Mitspielerin die Rückmeldung bekommen habe, dass sie sich an einer Stelle wirklich gegruselt hat.

Der Themenkomplex “Horror im Rollenspiel” wurde und wird immer wieder auf unterschiedlichen Plattformen diskutiert, oft mit dem Ergebnis, es würde nicht funktionieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das gezielte Erzeugen von Grusel am Spieltisch sehr viel mehr davon abhängt, wie gut man sich kennt, vertraut und welche Stimmung man gemeinsam erzeugen kann und will.
Geh nicht in den Winterwald ist kein Spiel, was an dieser Stelle irgendwie ansetzen will und besondere Werkzeuge bereithält. Der einzige Mechanismus – die Kältemarker – dienen dementsprechend auch nur dazu, den Spieler*innen die Ausweglosigkeit der Lage ihrer Charaktere vor Augen zu führen. Je nach Nutzung durch die SL kann das zwar den Grusel durch die Geschehnisse im Spiel unterstützen – aber im schlimmsten Fall auch Resignation hervorrufen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt und als SL sollte man sich ganz konkrete Dinge überlegen, welche die Kältemarker erhöhen und den Spielern die Möglichkeit geben, diesen Situationen auszuweichen.

Fazit

Benjamin als SL

Geh nicht in den Winterwald ist in seinem ungewohnten Format und dem besonderen Zeichenstil der Illustrationen ein wirklich schöner Anblick. Die zahlreichen Sagen und Legenden sowie Szenariovorschläge geben einem ein stimmungsvolles Bild der Spielwelt und liefern Ideen für viele Spieleabende.

Das System steht in seiner minimalistischen Art meiner Einschätzung und Beobachtung nach aber trotzdem manchmal im Weg und dient der SL eher als “Pacing-Werkzeug”, da man als Spieler*in faktisch keine Kontrolle über den Erhalt der Marker hat. Statt hier ein fast zwingendes Verlieren der Spieler durch ein Zufallselement zu kaschieren, wäre ein System zur gemeinsamen, spielleiterlosen Erzählung für das vorgegebene Setting vielleicht besser geeignet. Trotzdem erhält man hier für kleines Geld ein hübsch gestaltetes Heft voller Ideen – unabhängig davon, welches System man dafür nimmt.

Katrin

Das Setting und die Stimmung haben mir gut gefallen. Auch finde ich das Heft schön gestaltet und auch ungeübte Spielleiter finden mit Geh nicht in den Winterwald einen schnellen Einstieg. Einzig das Spielen in Vergangenheitsform und 3. Person hat mich leider nicht abgeholt.

René

Das Setting, um den mysteriösen und unheimlichen Winterwald fand René recht gelungen, aber er wollte zukünftig von der dritten Person und Vergangeheitsform absehen. Er fühlte sich etwas distanzierter von der Spielfigur, was dem Gruselfeeling eher schadete.

Sebastian

Bis auf den Irreführenden Titel (natürlich geht es immer in den Winterwald) ein nettes, simples Spiel das wohl am besten mit Freunden am Lagerfeuer gespielt wird. Auch besonders empfehlenswert für Rollenspiel Neueinsteiger!

René ist seit mehreren Jahren begeistert dem Hobby Rollenspiele verfallen und begann mit ADnD die Reise ins Unbekannte. Seine beliebtesten Rollenspiele sind derzeit DnD 5e und Der Schatten des Dämonenfürsten. Neben den Rollenspielen sind Romane, TableTop (Age of Sigmar), Brettspiele und auch Videospiele auf der PS4 große Hobbies. Als Softwareentwickler sind kreative Lösungswege nichts ungewöhnliches, aber in der Freizeit wird dieser Drang für eine etwas andere Art von kreativen Schaffen genutzt.

Kommentar verfassen